Ein Viertel hier, ein Viertel da, und dann noch ein Drittel

Gerade erreicht mich wieder eine Stellenausschreibung. Dozentin für Kommuniktion an einer Hochschule in Zürich, Stellenumfang: 20-30%. Das ist nichts seltenes hier, sondern ein Phänomen, dass mir seit meiner Ankunft dauernd begegnet: die Leute arbeiten nicht von Montag bis Freitag auf ihren Stellen, nein. Sie arbeiten auf 2-3 Stellen, mit kruden Prozentzahlen. Meine Kollegin z.B. hat 70% in einem Forschungsprojekt und 10% (in Worten: zehn!) an einem Lehrstuhl. Lange nicht alle kommen dabei auf 100%. Wieviel sie davon tatsächlich arbeiten, kann ich nicht beurteilen, man kriegt ja immer nur einen Teil mit.

Es ist üblich, in seine E-Mail-Signatur zu schreiben, an welchen Wochentagen man arbeitet. So ist mein viel nachgefragter Technik-Support nur Montags und Freitags da. Wenn ich Dienstag vormittags ein Problem habe, habe ich gleich noch eins: ich muss bis Freitag warten. Auf der Webseite einer anderen Abteilung stand hinter jedem Mitarbeiter eine Prozentzahl zwischen 20 und 50, damit man gleich nicht nur weiss, was derjenige tut, sondern auch wie viel davon.

So weit so gut. Jetzt mal zu den Konsequenzen:

  • alles dauert viel länger, wenn eine Woche nicht eine Woche ist (also Pi mal Daumen 40 Stunden Arbeitszeit)
  • es arbeiten mehrere Leute auf einer Stelle, die sich dann bei jeder Entscheidung absprechen müssen, ergo dauert alles noch länger
  • Informationen gehen, insbesondere bei Telefonaten, verloren
  • man weiss nie, wer die E-Mails liest, die man an eine bestimmte Stelle schickt und wie man den/diejenigen anreden soll („hallo support“??)
  • die Identifikation mit dem Job lässt deutlich nach, man hat ja noch den anderen bzw. die anderen sind auch mit verantwortlich
  • man hat den Eindruck, die Leute arbeiten an etwas, was sie „eben auch gut“ können. Sie sind keine Spezialisten dafür und werden es auch nicht…
  • auf Ebene der Studierenden heisst das für die Dozenten, dass sie ebenfalls nur mit halbem oder einem Drittel Engagement und Zeit rechnen können, es aber vorher nicht einschätzen können.

Was positives ist mir an diesem Phänomen noch nicht aufgefallen. Ich würde auch selber nicht so arbeiten wollen. Aber es erklärt vielleicht ein bisschen, warum sich die Schweizer damals gegen „mehr Ferien“ ausgesprochen haben.

4 Gedanken zu „Ein Viertel hier, ein Viertel da, und dann noch ein Drittel“

  1. Arbeit … ist vermutlich der schlimmste Fluch unserer Tage … wir haben nicht genug Arbeit für alle und jeder einzelne hat zuviel davon … das führt uns in die schizophrene Situation zwischen HartzIV und Burnout wählen zu können, im besten Fall. Im schlimmsten Fall, sich dem einen oder anderen ergeben zu müssen.

    Da scheint mir „Das Schweizer Modell“ doch Vorteile zu haben. Wenn alle Stellen immer nur Teilzeit-Stellen sind, sind im gesamten mehr Stellen da und für jeden Einzelne erhöht sich die Chance wenigsten einen Job zu finden. Auf der anderen Seite könnte (muss aber nicht) die Teilzeit dazu führen, das weniger Stress im einzelnen Job ist. Da müssen Chefs und Kunden schon gleich mit einplanen, dass die Dinge länger dauern.

    Und obendrein ist es leichter, für sich selber die richtige Mischung zu finden.

    1. Naja, mehr Stellen, von denen weniger Leute leben können, weswegen sie ja dann 2 oder 3 haben. Was dann pro Nase auch wieder nicht mehr ist. Ausserdem weiss man ja, das zwei halbe Stellen eben nicht eine ganze, sondern mehr sind, weil jeder Chef eigentlich „vollen“ Einsatz erwartet, auch bei geteilten Stellen.
      Ich glaube, dass es eher mehr Stress wird (siehe Absprachen, Zeitdauern, alles, was ich oben genannt hab)… Ob das ganze was nützt, in Sachen Burn Out oder was weiss ich, möchte ich erst mal in einer Statistik sehen. Es verursacht jedenfalls am anderen Ende (und da sitzen ja auch wieder Teilzeitleute) schon mal definitiv mehr Stress.

  2. Für arbeitende Menschen mit Kind(ern) klingt die Schweizer Regelung bestimmt sehr verlockend. Sie erleichtert den beruflichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit und scheint mir generell mit einer besseren Flexibilität zu punkten. Ich habe nach der Geburt der Tochter sehr lange nach einer Teilzeitstelle gesucht und hatte Glück, auf einen äußerst elternfreundlichen Vorgesetzten zu stoßen (was vielleicht auch daran liegt, dass er selbst zu der Zeit Vater geworden ist).

    Mit meiner zweiundsechzigkommafünf Prozent-Stelle muss ich in einigen Bereichen sicher mehr kommunizieren und Übergaben regeln, als jemand, der vierzig Stunden im Büro ist. Klar, das dauert länger und ist manchmal umständlich, dafür kann ich aber auch nicht so viel Herrschaftswissen bei mir ansammeln, ich teile ja andauernd alles. Außerdem habe ich gemerkt, dass wenn mehrere Menschen die Arbeit an einem Projekt teilen und sich dabei gut organisieren, sodass Prozesse nicht verwässern, gewinnt ziemlich oft das Projekt unter schwarmintelligenten Aspekten.
    Zudem, so scheints mir meistens, arbeite ich ziemlich effizient. Wenn ich weiß, ich muss alle anfallenden Aufgaben der Woche in fünfundzwanzig Stunden schaffen, dann wirkt da ein psychologischer Trick, der mich ranklotzen lässt wie eine Verrückte. Meistens.
    Um ehrlich zu sein, sehe ich fast nur Vorteile in einem stärkeren Angebot an Teilzeitstellen. Solange die Kommunikation intern und extern funktioniert, wünsche ich mir diese Entwicklung sehr.

    1. Ja, das ist natürlich völlig richtig, ABER: es geht mir ja nicht um eine Teilzeitstelle für den Wiedereinstieg oder auch für länger (ich könnte mir gut vorstellen, immer nur 75 % zu arbeiten 😎 ), sondern um die Anhäufung mehrerer Stellen, wirklich nicht selten 3, mit Prozentzahlen weit unter 50 (was ich für noch praktikabel halte). Du würdest doch deine 65 Prozent auch nicht so gern auf hier 40% und im Büro nebenan 25% aufteilen wollen, oder? Da sehe ich das Problem.

      Das andere Problem ist, dass ich es ja häufig mit Verwaltung, Support und ähnlichem zu tun habe und da gibt es eher wenig Projektarbeit, die ganz sicher von den von dir erwähnten Faktoren profitiert. Das ist halt auch die Frage: sind grundsätzlich immer alle Stellen teilbar?

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